Den richtigen Ruhepol aufsuchen

Autor

Andreas Tauber

Kategorie

Was mich bewegt

Magazin

2 / 2021

Seit etwa einem Jahr leben wir alle mit einer Erfahrung, die wir zuvor so noch nie gemacht haben. Täglich werden wir mit Nachrichten von einem Geschehen konfrontiert, das sich nicht etwa, wie sonst, weit weg von uns ereignet, sondern unser eigenes Leben unmittelbar betrifft. Das fordert uns nicht nur in unserem Handeln, sondern auch in unserem Denken heraus.

1. Sam. 30,6–8: „Und David war sehr bedrängt, denn das Volk wollte ihn steinigen, weil die Seele des ganzen Volks erbittert war, jeder wegen seiner Söhne und wegen seiner Töchter. David aber stärkte sich in dem Herrn, seinem Gott. Und David sprach zu Abjatar, dem Priester, dem Sohn Achimelechs: Bring mir doch das Ephod her! Und als Abjatar das Ephod zu David gebracht hatte, da fragte David den Herrn …“

Der Feind schafft Unruhe

In einem verzweifelten Moment entschied sich David, Schutz bei seinen philistäischen Feinden zu suchen (1. Sam. 27). Er bekam die Stadt Ziklag als Wohnort und war nun gezwungen, mit jenen Leuten zusammenzuleben, gegen die er Jahre zuvor noch gekämpft hatte. Hier spielte er dem Philisterkönig Achis 16 Monate lang Loyalität vor. Dieser wollte ihn eines Tages tatsächlich zum Kampf gegen Israel mitnehmen. David war kurz davor, gegen seine eigenen Landsleute in den Krieg zu ziehen. Doch durch Gottes Vorsehung kam es zu einer Trennung von Achis.

Während David und seine Soldaten weit von den Frauen und Kindern entfernt waren, passierte das Schreckliche: Ziklag wurde überfallen und seine Familien entführt. Als die Männer in die Heimat zurückkehrten, bot sich ihnen ein Bild der Verwüstung. Trauer und Frust machten sich breit. Vor lauter Furcht, ihre eigenen Familien zu verlieren, wandten sich Davids Leute nun gegen ihn selbst und wollten ihn töten.

In diesem Zusammenhang ist mir ein Satz von Warren W. Wiersbe hängen geblieben:

„Unterschiedliche Menschen reagieren unterschiedlich auf dieselben Umstände, denn was das Leben mit uns macht, hängt davon ab, was das Leben in uns findet“.

In Krisenzeiten oder bei hoher emotionaler Belastung können auch bei uns die heftigsten und so leider auch sündigen Reaktionen entstehen.

  • Worauf stützen wir uns in solchen Augenblicken?
  • Was gibt uns innerlich Halt, und wie kommen Versöhnung und Frieden in solchen Momenten zustande?
  • Auf welcher Grundlage treffen wir dann als Christen unsere Entscheidungen?

Dies sind Fragen, die mich bewegen. Eines steht fest: Angst, Verbitterung, Frust oder emotionale Erschöpfung stellen keine optimale Ausgangs- lage für gute Entscheidungen dar.

David traf bereits in der Vergangenheit aus Furcht vor Saul die Entscheidung, zu seinen Feinden zu gehen. Seine Soldaten waren im Begriff, denselben Fehler zu begehen. Statt die Rettung ihrer Familien zu planen, machten sie Schuldzuweisungen und suchten vielleicht auch nach den Gründen, die zur Katastrophe geführt hatten. Ja, das liegt auch uns in Nöten und Problemen so nahe! Allerdings ist es nutzlos, die Schuld auf andere zu schieben.

Gott als Ruhepol

Doch Davids Verhalten in dieser Situation kann uns in unseren persönlichen „Krisen“ eine Hilfestellung sein. David zögerte jetzt nicht, die Kraft und die Weisheit, die ihm persönlich fehlten, in seinem Gott zu suchen! David hielt sich nun in der Stille vor Gott auf; er schüttete sein Herz vor ihm aus. In dieser Zeit könnte Gott ihm auch seine Gefühlswelt und seine Gedanken neu sortiert und ihn dadurch stabilisiert haben. Nach dem Aufsuchen des richtigen Ruhepols war David jedenfalls bereit, nach einer Lösung und nicht nach einem Sündenbock zu suchen. Gott zeigte ihm einen Weg, nachdem er ihn konkret darum bat. Jetzt konnte David auch ermutigend auf seine Leute einwirken. Gemeinsam konnten sie das Verlorene schließlich retten und einen großen Sieg erlangen. Diese Perspektiven, Antworten und Ermutigungen, die aus der Gemeinschaft mit Gott entstehen, wünsche ich mir persönlich – und gleichzeitig auch jedem, der in der Verantwortung für Menschen steht.

Eine gute Ausgangsposition

Jesus möge uns heute durch seinen Geist und sein Wort den richtigen Blick auf die aktuellen Ereignisse und Angst machenden Negativschlagzeilen geben. Er ist und bleibt unser Ruhepol inmitten der Spannungen in uns und um uns herum. Und was ist, wenn wir uns daneben benommen oder selbst Nöte verursacht haben? Jesus lädt uns dazu ein, trotz unserer Fehltritte zu ihm zu kommen und bei ihm zu bleiben: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken“ (Mt. 11,28).

Möge der Herr Jesus uns vor seiner Wiederkunft in IHM – in diesem Ruhepol – bewahren und uns die nötige Liebe und Demut zu seinem Wort und zueinander geben (Offb. 3,10). Lassen wir uns auch den Zugang zum Thron der Gnade durch den Feind unserer Seele nicht madig machen: „So lasset uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe“ (Hebr. 4,16).

Dies ist eine gute Ausgangsposition für ein Leben, auch wenn es im Alltag mal nicht so rund läuft.

Autor

Andreas Tauber