Sei dem Herrn dankbar, wenn dich die Diskussion um Calvinismus vs. Arminianismus niemals erreicht. Leider geht das heute in Deutschland an kaum einer Gemeinde vorüber. Wie das zu beurteilen ist, wie man argumentiert, erinnert mich ein wenig an die erstaunlich widersprüchlichen Aussagen der Christen über die Bewertung von und den Umgang mit „Corona“. Medizinische und politische Argumente vermischen sich dort auf kaum aufzulösende Weise mit persönlichen Empfindungen und Biografien. Und so hat es auch viel mit Persönlichkeit, Biografie und Reaktion auf zeitgenössische Irrtümer zu tun, wie man dieses theologische Thema angeht.
Es wird aber auch erschreckend offenbar, wie der Geist Christi oft kaum zum Zuge kommt – bei der Bewältigung beider Themen.
Da nun Gemeindemitglieder uns als Älteste um eine Stellungnahme zu den z. T. brillant, z. T. aber auch sehr absolut vorgetragenen, sog. „Fünf Punkten des Calvinismus“ gebeten haben, war es uns wichtig, dies im Geist der Demut, der Wertschätzung und der Lernbereitschaft zu tun.
Es wird niemals möglich sein, eine einheitliche lehrmäßige Bewertung zu erzielen. Wir haben sogar den Eindruck, dass das Wort Gottes zu so manchem Detail z. B. der Soteriologie schweigt. Die Erlösung führt uns wohl wie kein anderes Thema an die Geheimnisse menschlicher Verlorenheit sowie göttlichen Rettungswillens heran. Nirgends wird das Wesen des Menschen so sehr entlarvt – und nirgends Gottes Herz uns so nahegebracht. Aber wir stoßen an Grenzen in der Erkenntnis der eigenen Sündhaftigkeit, obwohl die göttliche Seelsorge uns so manchen Abgrund unseres Herzens aufzeigt. Und erst recht geschieht das, wenn wir die tiefsten Gedanken und Absichten Gottes verstehen wollen.
Es ist für uns bezeichnend, dass die ausführlichste „Soteriologie“ im Neuen Testament in Römer 1-11 in Kap. 11,33 mit diesen Sätzen endet:
„O welch eine Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich seine Wege!“
Weil wir den Herrn lieben – und viele klassische Vertreter des Calvinismus sind darin unerreichte Vorbilder – wollen wir Ihn so gut wie möglich kennenlernen, gerade auch in seinem Erlösungshandeln. Und stoßen doch gerade dabei auf Geheimnisse, die wie gerne lüften wollen.
Auf beiden Seiten (Calvinismus und Arminianismus; wiewohl diese Kategorien schon unvollkommen sind und Widerspruch der so Bezeichneten hervorrufen) beschäftigen sich Menschen mit den Kernfragen der Erlösung.
Beide Seiten betonen …
■ … die Unfähigkeit des Menschen, zur Rettung etwas beizutragen.
■ … die Rettung ausschließlich durch pure Gnade mittels des Glaubens.
■ … den unermesslichen und heiligen Wert des Sühnopfers Jesu.
■ … das leidenschaftliche Bemühen Gottes um unsere Errettung.
■ … die Treue Gottes gegenüber seinen Kindern sowie
■ … die Notwendigkeit heiliger Jüngerschaft.
Insofern haben wir eine überragende Grund- lage der Gemeinschaft und Einheit. Wo aber Gottes Wirken (oder Souveränität) und menschliche Verantwortung sich treffen – darin besteht der eigentliche Unterschied. Und ich meine, das ist ein Geheimnis, das der HERR nicht lüftet. Aber genau darüber streitet man letztlich.
Es ist mir etwas suspekt, wenn Menschen allzu genau zu wissen glauben, was der HERR vor Grundlegung der Welt im Detail (nicht) gedacht und (nicht) gewollt hat bzgl. der Rettung von Menschen. Wir dürfen und sollen unsere Erkenntnis haben – aber eingestehen, dass sie gerade hierin „Stückwerk“ ist. Und durch den Andersdenkenden ergänzt wird. Steht dieser Ausdruck wohl zufällig im „Hohelied der Liebe?“
Wenn wir einander besser zuhören – und sich keine Seite als absolut ansieht – dann werden wir viel voneinander lernen. Denn ich meine (wenn ich das augenzwinkernd sagen darf), dass Calvinisten und Arminianer das Gleiche glauben – Calvinisten glauben es nur „ein bisschen mehr“. Arminianer werfen ihnen vor, dass sie über die Schrift hinausgehen mit einigen gewagten Schlussfolgerungen menschlicher Logik. Und Calvinisten bedauern die Arminianer, dass ihre Erkenntnis nicht noch etwas weiter geht.
Die ganze Debatte ist weitgehend theoretischer, theologischer und philosophischer Natur. Eine hohe Relevanz für die Seelsorge wird von uns bestritten – auch wenn das viele Calvinisten wiederum bestreiten werden. Aber ich bekam einmal ein „Lob“ von einem calvinistisch denkenden Bruder, der nach einer Predigt über die Gnade Gottes sagte: „Ich habe nicht gedacht, dass ein Nicht-Calvinist so über die Gnade Gottes predigen kann.“
Wir wollen letztlich nicht aufhören …
■ … zu staunen über das Wunder, dass wir Buße tun und glauben können zur Rettung.
■ … Gott anzubeten für die tiefe Gewissheit unserer Rettung, die der Hl. Geist schenkt (Röm. 8,16).
■ … uns hineinnehmen zu lassen in die tiefe Ehrfurcht Gott und seiner Ehre gegenüber.
■ … die Souveränität Gottes als die große Ursache unserer Glaubenssicherheit zu sehen.
■ … seine Kraft zu rühmen, die uns bis zum Ziel bewahren kann.
Und dann in Demut voneinander zu lernen. Ich würde Brüder mit anderer Überzeugung gerne bei uns begrüßen – wenn sie die Demut mitbringen, zuzugeben, dass auch ihr Erkennen Stückwerk ist. Wenn sie das bezweifeln, sind sie anderswo besser aufgehoben.
Wir haben die Vorträge unter dem Titel: „Der 5- Punkte-Calvinimus und unser Verständnis dazu“ in sechs Vorträgen dargelegt. Sie sind auf unserer Homepage zu finden (siehe unten). Der HERR möge euch Frieden schenken in der gemeinsamen Beugung vor IHM.
