Die Spannungen unseres Lebens kommen nicht zuletzt daher, dass wir uns auf einer Erde bewegen, die in verschiedener Hinsicht vom Chaos gekennzeichnet ist. Die Frage stellt sich: Kennt die Bibel diesen Begriff? Dazu eine biblische Standortbestimmung, verbunden mit einigen weiteren Gedanken.
Ein Bibellexikon vermerkt: „Chaos beschreibt den Zustand der Unordnung, der existieren würde, wenn die von Gott her dem Kosmos auferlegte Ordnung nicht vorhanden wäre.“ Um es gleich vorneweg zu sagen: Der Begriff „Chaos“ selbst kommt in der Bibel nicht vor – eher im heidnischen Umfeld des Gottesvolkes Israel. Es gibt jedoch eine Reihe von Stellen, die einen Anklang daran enthalten.
1. Das Chaos zu Beginn der Schöpfung
Die bekannte Stelle dazu lautet: „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“ (1. Mose 1,2)
„Wüst und leer“ (oder öd und leer) ist die deutsche Wiedergabe des bekannten hebräischen Ausdrucks „tohu wabohu“, den wir ja auch in unserer Sprache immer wieder einmal als Chiffre für chaotische Zustände verwenden. So war es unmittelbar, nachdem Gott Himmel und Erde geschaffen hatte.
Die sogenannte „Lückentheorie“, derzufolge sich zwischen 1. Mose 1,1 und 1. Mose 1,2 ein zeitlicher Zwischenraum befinden soll, in dem der Fall Satans stattfand, der auf der Erde chaotische Zustände heraufbeschwor, halte ich für eine exegetische Missgeburt.
Der Ausdruck will vermutlich nur verdeutlichen, dass die Erde sich kurz nach ihrer Erschaffung in einem noch nicht geordneten, bearbeiteten oder speziell geformten Zustand befand. Und dass wesentliche Bestandteile der Schöpfung noch fehlten. Und nicht der Zufall, plus riesige Mengen von Zeit, veränderte dies, sondern das redende und handelnde Eingreifen Gottes.
Mir gefiel in diesem Zusammenhang ein Beispiel gut, dass im Februar in dem bekannten Andachtsbuch „Leben ist mehr“ zu lesen war. Was ist wahrscheinlicher? „Vorgang A: Aus einer schönen Villa wird ohne menschliche Einwirkung nach beliebig langer Zeit ein Steinhaufen. Vorgang B: Aus einem Steinhaufen wird ohne menschliche Einwirkung nach beliebig langer Zeit eine schöne Villa.“
Nach dem sogenannten „Entropiegesetz“ ist klar, dass „A“ die richtige Antwort sein muss. Alles Geschaffene, sich selbst überlassen, strebt immer nach einem Zustand größtmöglicher Unordnung. Oder, noch einmal nach obigem Beispiel: „Alles Komplizierte und Unwahrscheinliche zerfällt von selbst in Unkompliziertes und Wahrscheinliches, und niemals, wirklich niemals tritt das Gegenteil ein. “ Es braucht also in der Tat mehr Glauben, um die Evolutionslehre festzuhalten, als an eine Schöpfung durch Gott zu glauben.
Er ist aber nicht nur der, der als Schöpfer in die Ungeformtheit der Schöpfung Ordnung und Struktur hineinbrachte, sondern er ist auch der Erhalter des ganzen Systems. Und zwar erhält er die Welt durch seinen Sohn Jesus Christus. Von ihm heißt es in Hebr. 2,3: “… er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort.“
Das bedeutet: Ziehe dieses „tragende Wort des Christus“ (wie immer man es fassen oder verstehen will) von der Welt ab – und sie bricht in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Übrig bliebe dann buchstäblich nur das Chaos. Zerstörung und Chaos werden auch angedeutet in Jes. 24,10; 34,9–11. Und obwohl selbst kein Anhänger der „Lückentheorie“, glaube ich doch an Folgendes:
2. Die „hohen oder kosmischen Chaosmächte“
Dieser Begriff stammt aus der größten deutschen Science-Fiction-Serie und meint dort etwas anderes als sein biblisches Pendant. Dennoch kann man auch von der Bibel her durchaus von „hohen oder kosmischen Chaosmächten“ sprechen: Sie müssen einst, in grauer Vorzeit, von Gott abgefallen sein – was ein wirkliches Chaos hervorrief, schon durch ihre bloße Existenz.
Die Bibel berichtet über den Teufel in Hes. 28,13–15:„In Eden warst du, im Garten Gottes, geschmückt mit Edelsteinen jeder Art, mit Sarder, Topas, Diamant, Türkis, Onyx, Jaspis, Saphir, Malachit, Smaragd. Von Gold war die Arbeit deiner Ohrringe und des Perlenschmucks, den du trugst; am Tag, als du geschaffen wurdest, wurden sie bereitet. Du warst ein glänzender, schirmender Cherub und auf den heiligen Berg hatte ich dich gesetzt; ein Gott warst du und wandeltest inmitten der feurigen Steine. Du warst ohne Tadel in deinem Tun von dem Tage an, als du geschaffen wurdest, bis an dir Missetat gefunden wurde.“
Er muss andere himmlische Wesen mit in das Chaos seines Abfalls von Gott gezogen haben, denn später heißt es von ihm in Offb. 12,7-8: „Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und sie siegten nicht und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel.“
Diese Mächte leben im Gegensatz zu ihrer ursprünglichen Bestimmung – die war: Gott verherrlichen und unter seiner Herrschaft leben. Sie sind darum zu ewigen, unerlösbaren Feinden Gottes geworden.
Sie versuchen, einen Platz einzunehmen, der ihnen nicht zusteht – denn: Sie wollen nicht länger Geschöpfe, sondern selber Gott sein. Damit leben sie im Widerspruch zu ihrem innersten Wesen, das ihnen einst „anerschaffen“ wurde, und liegen im Krieg mit sich selbst. Und wie mag wohl ihr Verhältnis untereinander beschaffen sein? Es ist sicher nicht von Liebe geprägt.
So sind sie auseinander mit Gott, untereinander auseinander (oder höchstens einig im Bösen), und auch auseinander mit sich selbst. Das bedeutet automatisch chaotische Zustände. Die Dämonie ist innerlich zerrissen, in sich selbst zersprungen. Da strebt alles den Ordnungen Gottes entgegen und damit ins Chaos. Und wo sie können, ziehen sie andere mit in ihr Chaos hinein, und darum folgt:
3. Das Chaos der menschlichen Sünde
Es gab also schon Sünde und sündige Wesen, bevor der Mensch fiel. Was nach der Erschaffung des Menschen in 1. Mose 3,1–6 geschah, ist hinlänglich bekannt und muss hier nicht weiter zitiert werden. Aber die Folgen waren (fast) genau dieselben wie bei den gefallenen Engeln. Der Mensch lebte vom Sündenfall an im Gegensatz zu seiner Bestimmung – die war: Gott verherrlichen und unter seiner Herrschaft leben; und im Widerspruch zu sich selbst – er sollte Geschöpf sein, und nicht Schöpfer. Solchermaßen von Gott und sich selbst getrennt, entfremdete er sich auch von seinem Nächsten – dem er eigentlich in Liebe begegnen sollte.
Das Ergebnis: Chaos – innerlich und äußerlich. Darum werden die Probleme in dieser Welt immer größer und unlösbarer, und die Zustände stets chaotischer. Sie sind hausgemacht und lassen uns in Schuld und Verderben versinken, woraus es „ohne den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, für uns gekreuzigt und auferstanden“ , keine Rettung gibt.
4. Die „Stufe vor dem Chaos“?
Auch davon spricht die Bibel noch: von der „akatastasia“, der Unruhe, dem Aufruhr, der Rebellen-Revolution – oder der „Unordnung“, wie Luther den Begriff öfter übersetzt. So zum Beispiel in 1. Kor. 14,33: „Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“ Weitere Vorkommen des Begriffes finden sich in Luk. 21,9; 2. Kor. 6,5; 12,20 und Jak. 3,16.
Diese „Unordnung“, häufig wieder verursacht durch den „Durcheinanderbringer“ und seine Schergen, ist entweder eine Vorstufe zum Chaos, oder schon der erste Schritt hinein, oder ein Synonym zum Chaosbegriff. In innerer und äußerer Unordnung leben heißt, in Aufruhr gegen Gott, die Welt und sich selbst leben und zumindest auf der Schwelle zum Chaos stehen. Darum die Warnung der Schrift vor Müßiggang und dem Treiben unnützer Dinge: Es ist ein „unordentlicher“, „außer Takt“ geratener Wandel (2. Thess. 3,11; vgl. auch 1. Thess. 5,14; 2. Thess. 3,6–7; ähnlich die Ausschweifung oder Zügellosigkeit in Eph. 5,18, Titus 1,6 und 1. Petr. 4,4). Er hat ebenfalls das Potenzial, chaotische Zustände heraufzubeschwören – für sich selbst und andere.
5. Christus, der Überwinder des Chaos
Wie bei den Dingen dieser Welt geriete eine sich selbst überlassene Menschheit in ihrer Sünde immer mehr ins Chaos, bis hin zur potenziellen Selbstvernichtung.
Darum ist es eine große Gnade Gottes, dass er seinen Sohn schon ein erstes Mal in diese Welt sandte, damit er uns durch seinen Tod am Kreuz von der Schuld und Strafe unserer Sünde erlöste. Jeder, der an ihn glaubt, kann Vergebung der Sünden erfahren und danach ein völlig neues Leben empfangen (Jes. 53,4–6; Joh. 3,16). Und die „Chaosmächte“ hat Gott durch ihn ihrer Macht entkleidet und sie als Besiegte im Triumphzug mit Christus einher- geführt (Kol. 2,15).
Und es ist die noch größere Gnade, dass der von den Toten auferstandene Jesus Christus eines Tages zurückkommen wird, um in einer völlig aus den Fugen geratenen Welt wieder Ordnung zu schaffen und die göttlichen Ordnungen neu aufzurichten. Das Endziel von allem ist die völlige Abschaffung des Chaos – und damit auch des spannungsreichen Lebens. Und die Aufrichtung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, die allem Chaos fern sein werden.
Der Teufel und seine Dämonen aber kommen in das ultimative Chaos, die Hölle, die ihnen ursprünglich allein zugedacht war. Aber es werden ihnen dorthin auch alle Menschen folgen, die hier das Chaos lieber hatten als die Ordnungen Gottes (Mt. 25,41).
Doch so müsste es nicht enden. Der Weg heraus aus dem inneren und äußeren Chaos, hinein in ein von Ordnung und Harmonie geprägtes Leben, steht bis zum heutigen Tage nach wie vor allen Menschen offen! Das erlöst uns nicht von allen Spannungen der Jetztzeit – aber es eröffnet die Möglichkeit für die Erfahrung eines substanziellen Heils.
