Gemeinde – Gottes Kolonie auf der Erde
Jesus Christus baut und erhält seine Gemeinde (Mt. 16,18) auf der gegenwärtigen Erde und wird sie in die neue Erde übersiedeln (2. Petr. 3,13). Die Gemeinde auf dieser Welt ist wie eine Kolonie Gottes (Phil. 3,20), die ihr wahres Bürgerrecht im Herzen trägt (Eph. 2,19).
Diese Kolonie Gottes wartet geduldig (Jak. 5,7), ist aber nicht untätig (Lk. 19,13), bis sie in ihrer Heimat ankommt. Daher strebte Jesus keine politische und wirtschaftliche Macht auf der dieser Erde an, sondern baute ein Reich, das nicht von dieser Welt ist (Joh. 18,36).
Jesus Christus kommt wieder und wird seine Gemeinde für allezeit zu sich holen (1. Thess. 4,17). Und bis Er kommt, sollen wir als Fremdlinge – wie in einer Kolonie – seine Gemeinde sein! Wir haben den klaren Auftrag, in der Nachfolge zu leben, sein Reich zu verbreiten (Mt. 28,19), uns als lebendige Steine einsetzen zu lassen (1. Petr. 2,5) und in der Gemeinschaft der Gläubigen auszuharren (1. Kor. 11,26).
Wir sollen ihm gemeinsam nachfolgen und einander auf diesem Weg begleiten (Hebr. 10,25). Unser Auftrag lautet also: Nachfolge, Verherrlichung, Dienst, Evangeli- sation und Gemeindebau – bis Er kommt!
Gemeinde gestern – in Freiheit
Wir haben Gemeinde in den letzten Jahrzehnten ohne echte äußere Bedrängnis erlebt. Trotzdem stellt Verfolgung eigentlich den „Normalzustand“ dar (Joh. 15,20). Wenn der Preis der Nachfolge nicht spürbar bezahlt wird, kann dies die Gefahr der Verweltlichung mit sich bringen, was einige sogar als „gefährlichere“ Variante der Verfolgung bezeichnen.
Wir nutzen die staatlichen Freiheiten und gründen Vereine, um Räumlichkeiten anzumieten, nehmen den Steuererlass für Spendengelder in Anspruch und können Pastoren und Missionare anstellen. Öffentliche Gottesdienste und Glaubensfreiheit erscheinen uns selbstverständlich. Ganz natürlich bestimmen diese Freiheiten unsere Gemeindestruktur. So manches im Gemeindeleben können wir einfach und angenehm gestalten.
Es ist für uns normal, dass zum Gottesdienst mehr als zwei Dutzend Gläubige öffentlich zusammenkommen und die meisten von ihnen eine längere Autofahrt hinter sich haben. So kommt es nicht selten vor: Einen Teil der Geschwister sieht man nur am Sonntag und kennt am eigenen Wohnort keine Gläubigen. Überspitzt ausgedrückt kann dies dazu führen, dass jeder nur seinem eigenen Glaubensleben nachstrebt, indem er am Sonntag zwar gemeinsam mit anderen eine bibeltreue Predigt hört und sich je nach Interesse und Lust weitere Angebote aussucht, aber ansonsten keine weiteren Merkmale einer verbindlichen neutestamentlichen Gemeinde lebt. Wir müssen zugeben: Unser individualistisches und konsumorientiertes Umfeld hat unsere Gemeindekultur bereits geprägt.
Gemeinde morgen – in Bedrängnis
Ich persönlich denke: Die Gemeinde sollte nicht aus dem Corona-Schlaf aufwachen, um wieder das „gewohnte“ Gemeindeleben anzustreben. Dass der Gemeinde herausfordernde Zeiten bevorstehen, ist ja keine Verschwörungstheorie, sondern das, was uns der Herr vorhergesagt hat. Doch wir dürfen wissen: Unser Herr wird seine Gemeinde bis zur Erfüllung der Zeit durchtragen.
Somit wird Gemeinde auch in der Zukunft ein Thema für alle Nachfolger sein. Vermutlich sogar noch viel stärker, denn: Je größer die Bedrängnis, desto stärker das Verlangen nach geistlicher Gemeinschaft. Die Gemeinde von morgen wird dieselbe sein – nur anders! Anders, weil wir lernen müssen, dieselben Inhalte auf eine andere Weise zu leben.
Weil wir darum wissen, drängt sich uns die Frage auf: Sollten wir nicht schon in guten Zeiten parallel eine Struktur für Untergrundgemeinden aufbauen? Was wäre denn, wenn unsere Gemeindegebäude geschlossen würden und öffentliche Veranstaltungen nicht mehr möglich wären? Das haben wir durch die Corona-Krise annähernd erlebt. Zur Überbrückung hat viel gemeinschaftliches und geistliches Leben über Telefon und Internet stattgefunden. Doch was tun, wenn auch dies nicht mehr uneingeschränkt nutzbar wäre? Mit wem würde ich meine Nachfolge teilen? Wie treffen wir uns, um das Wort Gottes zu studieren, zu beten und das Abendmahl zu feiern? Welche Hirten werden in der Nähe sein und sind dafür ausgerüstet, die Gemeinde durch diese Zeit zu begleiten?
Gemeinde heute – im Umbruch
Wir wissen nicht, was genau davon in den nächsten Jahren alles geschehen wird. Doch es ist erschreckend zu sehen, wie die Merkmale der prophezeiten antichristlichen Ordnung immer greifbarer werden. Göttliche Ordnungen verschwinden zunehmend aus unserem Umfeld. Aber nicht vergessen: Jeden Tag kommen wir der Wiederkunft unseres Herrn ein Stück näher!
Die Corona-Krise hat uns eine leise Ahnung davon verschafft, wie schnell und tiefgreifend sich unser Gemeindeleben verändern kann. Ich bin der Überzeugung: Diese Krise ist unter anderem ein Warn- oder Startschuss für uns, unser Gemeindeleben flexibler und verbindlicher zu gestalten. Wir sollten parallel zu unseren Veranstaltungen, Gebäuden und zusätzlichen Events eine Struktur und Vernetzung aufbauen, die unabhängig von staatlich gewährten Freiheiten tragfähig bleibt.
Gemeinde – bestehend aus Kleingruppen
Ist euch auch schon einmal aufgefallen, dass jede Gemeinde aus Kleingruppen besteht? Manchmal sind es Familien- oder Freundes- kreise, und manchmal Kleingruppen, die aufgrund ihres Alters, ihres Dienstes oder ihrer Interessen verbunden sind. Man gehört zwar zu einer örtlichen Gemeinde, teilt jedoch sein geistliches Leben in einem oder in mehreren kleinen Kreisen. Dort lebt und erlebt man die „Einander-Aufforderungen“ wie Annahme, Liebe, Sündenbekenntnis, Ertragen, Vergebung, Ermutigung, Fußwaschung oder sogar den heiligen Kuss. Diese Dinge erleben wir nur sehr eingeschränkt im Sonntagsgottesdienst und beim Kaffee danach. Deswegen haben wir ja solche Kleingruppen, in denen wir in einem Jüngerschaftsverhältnis miteinander leben. Die Kleingruppen stellen gleichsam unsere geist- liche Überlebensstrategie dar!
Ein erfolgreicher Gemeindebauer ist davon überzeugt, dass Gemeindewachstum durch viele interessenspezifische Gruppen entsteht, also für alle Lebensumstände das passende Angebot verfügbar ist. Dass dies wie ein starker Magnet wirkt, ist nachvollziehbar, jedoch gilt das biblische Gemeindeverständnis ungeachtet des Alters und der eigenen Interessen. Natürlich erzeugt die Männerrunde, der Missionsgebetskreis, die Wandergruppe oder das Mutter-Kind- Treffen jeweils eine segensreiche Gemeinschaft, doch bilden diese Gruppen oft nicht den Querschnitt einer Gemeinde.
Was passiert nun bei geschlossenen Gemeindehäusern und begrenzter Technik? Wir werden zunächst versuchen, die Kontakte aus unseren Kleingruppen zu halten. Dann werden wir merken: Nicht alle leben beieinander, Familienmitglieder fühlen sich mit anderen verbunden, und wir müssen entscheiden, wem wir verbunden bleiben. Dazu sind die Geistesgaben in der eigenen Gruppe nicht breit aufgestellt. Es wird uns schnell klar werden: Diese Gruppen ersetzen nicht so einfach unser Gemeindeleben.
Gemeinde – auf die Zukunft ausgerichtet
Alle diese Gedanken führen mich dazu, euch zu ermutigen, eine Hauskreisstruktur aufzubauen oder einen bereits bestehenden Hauskreis verstärkt und ganz bewusst zu fördern. Aufgrund der oben ausgeführten Gedanken sollten Hauskreise gut erreichbar sein, verbindliche und regelmäßige Gemeinschaft pflegen, einen verantwortlichen Hirten haben und einen Querschnitt der Gemeinde abbilden. Soweit es möglich ist, sollte diese Gemeinschaft unabhängig von technischen oder digitalen Hilfsmitteln sein. Der Kreis sollte schließlich davon geprägt sein, Gottes Wort zu studieren, Gaben einzusetzen, über Sünde zu sprechen, sich gegenseitig Rechenschaft zu geben und einander die Lasten zu tragen.
In den vergangenen zehn Jahren habe ich Folgendes über Kleingruppen gelernt: Echte geistliche Verbundenheit benötigt regelmäßige Begegnung und eine offene und vertraute Atmosphäre. Diese Parameter können von einem Hirten gefördert werden. Öfter erlebte ich, wie diese äußeren Kriterien einen guten Boden vorbereiteten, auf dem das Wort Gottes Frucht hervorbrachte. So wuchs in den Kleingruppen die geistliche Erkenntnis und das gemeinsame Staunen über Gott; Sünde wurde offenbar, Vergebung wurde in Anspruch genommen, verschiedene Gaben wurden eingesetzt, tiefe Anteilnahme und Liebe entstand, und der gemeinsame Eifer für die verlorene Welt entbrannte. Diese Dynamik der Jesusnachfolge erleben wir mehr in unseren Kleingruppen, als in unseren Gottesdiensten am Sonntag.
Wir sollten heute diese Art von Hauskreis als parallele Gemeindestruktur an die erste Stelle setzen, damit die kommende Generation mit dieser Prägung hoffnungsvoll in die herausfordernde Zukunft gehen kann. Heute leben wir in einem optimalen Zustand, um uns für die Zukunft auszurüsten. Wir können uns in unseren Gebäuden als ganze Gemeinde treffen und gleichzeitig in Kleingruppen unser geistliches Leben teilen. Lasst uns diese Zeit dazu nutzen, unsere Hauskreisstruktur gezielt zu fördern, denn Kleingruppen sind unsere geistliche Überlebensstrategie – für heute, aber vor allem für morgen!
