„Heilige sie durch die Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit.“ So betet Jesus im hohepriesterlichen Gebet zu seinem Vater (Joh 17,17). Aber was heißt das eigentlich? Und was sind die Konsequenzen?
Wenn Jesus in Joh 17,17 von „Gottes Wort“ spricht, meint er natürlich nicht die Bibel in ihrer heutigen Form, denn die gab es so noch nicht. Es ist davon auszugehen, dass Johannes mit dem „Wort Gottes“ die Offenbarung des Vaters im Blick hat (17,6). Das „Wort Gottes“ ist die Botschaft, die vom Vater ausging und durch Jesus zu den Jüngern kam (17,8; vgl. 14,23). Es sind hier also nicht die biblischen Schriften im Blick. Und doch lässt sich die Aussage auch auf die Bibel beziehen, denn auch diese ist Wort Gottes und auch diese ist direkte Offenbarung Gottes. In diesem Sinne spricht Jesus auch davon: „die Schrift kann nicht aufgelöst werden“ (10,35). Deshalb können wir auch allum- fassend sagen, dass die Bibel als Wort Gottes Wahrheit ist. In den Psalmen drückt König David das so aus:
„Die Worte des HERRN sind reine Worte – Silber, am Eingang zur Erde geläutert, sieben- mal gereinigt.“ (Ps 12,7)
Gott hat in der alttestamentlichen Zeit auf vielfältige Weise durch Propheten geredet. Zu späterer Zeit dann in unmittelbarer Weise durch seinen Sohn (Hebr 1,1). Auch hier müssen wir jedoch sehen, dass dieses Reden des Sohnes für uns heute nicht direkt zugänglich ist, sondern wiederum mittelbar von den neutestamentlichen Schriften bezeugt wird. Sicher kann Gott uns seinen Willen auf übernatürliche Weise offenbaren. Gottes Geist wohnt in uns und soll uns in die ganze Wahrheit führen (Joh 14,17.26; 16,13). Das geschieht aber nicht getrennt von der Schrift. Denn gerade zu diesem Zweck hat Johannes ja sein Evangelium geschrieben: damit wir auf Grundlage seines Zeugnisses glauben und Leben haben (20,30f.). Die Qualität von Gottes Reden und von Gottes Botschaft ist heute eine andere (1Petr 1,10–12), aber der Kanal ist im Wesentlichen der gleiche geblieben. Es ist doch so, dass wir Gottes Reden auf eine ähnliche Weise erleben wie Menschen in früheren Zeiten. Es ist nicht Gottes Reden in Zeichen und Wundern, das Menschen zum Glauben führt, sondern es ist seine niedergeschriebene Botschaft an uns Menschen (Lk 16,29–31). Deswegen ist es so wichtig, das Vertrauen in die Schrift zu stärken und vor allem sich ihr auszusetzen.
Gottes Wort ist Wahrheit. Es ist völlig vertrauenswürdig. Das schließt jede Art der Bibelkritik von vornherein aus. Nicht wir haben Gottes Wort zu beurteilen, sondern Gottes Wort beurteilt uns. So schreibt Gerhard Maier in seinem Buch „Das Ende der historisch-kritischen Methode“:
„Eine kritische Methode muss […] versagen, weil sie eine innere Unmöglichkeit darstellt. Denn das Korrelat (Entsprechung) zur Offenbarung ist nicht Kritik, sondern Gehorsam, ist nicht Korrektur – auch nicht aufgrund der teilweise anerkannten und verwendeten Offenbarung –, sondern Sich-korrigieren-Lassen. Wie Hiob muss der Mensch hier verstummen, weil Gott ihm etwas zu sagen hat.“
Gerhard Maier
Wenn Gott redet, muss der Mensch schweigen. Gottes Wahrheit hat dann aber immer auch etwas mit unserer Reaktion zu tun. Und hier sind wir wieder bei Johannes 17. Jesus betet nicht, dass die Jünger Gottes Wahrheit sachlich verstehen, sondern dass sie dadurch geheiligt werden. Genau aus diesem Grund redet Gott ja zu uns Menschen. Er will unser Denken prägen, aber auch unser inneres Wesen und unser Verhalten. Auf echte, nachhaltige Weise kann das nur durch Gottes Wort geschehen. Dementsprechend schreibt D. A. Carson in seinem Kommentar zum Johannesevangelium Folgendes über Joh 17,17.
„Praktisch gesprochen kann niemand ‚geheiligt‘ oder für Gottes Zwecke abgesondert werden, ohne dass er es lernt, Gottes Gedanken nachzudenken, ohne es zu lernen, in Gleichgestalt mit dem ‚Wort’ zu leben, das er gnädigerweise gegeben hat.“
D. A. Carson
Gottes Wort kann dadurch relativiert werden, dass wir es wegdiskutieren. Es kann aber auch dadurch relativiert werden, dass es in unseren Köpfen stecken bleibt. Das ist dann unglaublich dramatisch, gerade weil wir alle Möglichkeiten haben. Die Welt braucht keine Christen, die Sonntag für Sonntag selbstzufrieden Stuhlkissen wärmen, sondern solche, die bereit sind, rauszugehen und Gottes Wort umzusetzen. Gottes Wort will Ordnung in unser persönliches Leben bringen. Es will uns helfen, unsere Familien heilen zu lassen. Und es will uns helfen, sein Reich sichtbar werden zu lassen.
Wie würde das aussehen, wenn Jesu Gebet in unserem Leben seine Erfüllung finden würde? Wie wäre es, wenn wir nicht nur an den Wahrheitsgehalt von Jer 23,29 glauben würden, sondern wenn andere Menschen bezeugen würden, dass dieser Vers in unserem Leben sichtbar wird?
„Ist mein Wort nicht brennend wie Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?“ (Jer 23,29)
Unsere Beziehung zu Gott würde vertieft werden. Unsere Liebe zu anderen Menschen würde wachsen. Und Gottes Herrschaft würde ein kleines Stück mehr sichtbar werden.
Gottes Wort ist Wahrheit. Unsere Erkenntnis ist Stückwerk (1Kor 13,12). Das wird auch im aktuellen Beitrag „Was mich bewegt“ von Nathanael Wagner deutlich. Das soll uns aber nicht davon abhalten, das, was wir erkannt haben, mit ganzem Herzen praktisch werden zu lassen. Wenn Gottes Wahrheiten in uns wurzeln, und wenn sie vom Kopf ins Herz rutschen, dann wird auch die entsprechende Frucht sichtbar werden. In diesem Sinne lasst uns mit Paulus sagen: „So viele nun vollkommen sind, lasst uns darauf bedacht sein! Und wenn ihr in irgendetwas anders denkt, so wird euch Gott auch dies offenbaren. Doch wozu wir gelangt sind, zu dem lasst uns auch halten!“ (Phil 3,15f.)
