Eine nicht unwichtige Frage für uns heute als Gemeinde Jesu lautet: Hat Gott Sein Volk Israel verworfen, sodass es keine heilsgeschichtliche Bedeutung oder Zukunft mehr hat? Nach meinem biblischen Verständnis: Nein!
Israel hat eine heilsgeschichtliche Zukunft und ist nicht von Gott verworfen. Ebenso bin ich der Überzeugung, dass wir als Gemeinde Jesu Israel nicht ersetzt haben und somit auch nicht das „wahre Israel“ sind, wie es manche sagen. Es gibt auch zu dieser Behauptung keine deutliche Lehraussage im Neuen Testament. Im Gegenteil, die Schreiber des Neuen Testaments machen an vielen Stellen eine klare Unterscheidung zwischen Israel und der Gemeinde.
Im Folgenden gehe ich von den Worten unseres Herrn Jesus in Mt. 23,37–39 aus, die ER am Ende Seines öffentlichen Dienstes im Blick auf Jerusalem sprach. Diese Worte des Herrn sagen etwas über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Volkes Israel aus. Wir beginnen mit der traurigen Vergangenheit:
1. Israel hat seinen König verworfen
Mt. 23,37: „Jerusalem, Jerusalem, die du die Propheten tötest und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken unter die Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt!“
Jesus sprach diese Worte mit traurigem und beschwertem Herzen (Lk. 19,41–44). Sein göttlicher Wunsch für Jerusalem (Israel) war stets ihre Rettung, ihr Frieden, ihre Sammlung zu Ihm selbst hin – doch sie haben nicht gewollt. Sie haben den einzigen Erlöser, den wahren Friedefürsten und den sammelnden Hirten verworfen.
Diese Ablehnung hatte bereits ca. 700 Jahre zuvor der Prophet Jesaja vorausgesehen. In Jes. 49,5–6 spricht der Prophet von Jesus als dem Knecht Gottes: „Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht gebildet hat, um Jakob zu ihm zurückzubringen – Israel aber wurde nicht gesammelt, und doch wurde ich geehrt in den Augen des HERRN, und mein Gott war meine Stärke -, ja, er spricht: ‚Es ist zu gering, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten aus Israel wiederzubringen; sondern ich habe dich auch zum Licht für die Heiden gesetzt, damit du mein Heil seist bis an das Ende der Erde!‘“
Die Ablehnung des Messias durch Israel wurde also schon im Alten Testament angekündigt und war natürlich für unseren Gott keine Überraschung (Jes. 53,1; Röm. 10,16–19). Die Folge dieser Ablehnung ist, dass nun den Heiden das Heil zuteilwurde. Davon redet auch Paulus in Römer Kapitel 11. In diesem Teil des Römerbriefes (Kap. 9–11) spricht der Apostel ebenfalls über die Vergangenheit, Gegenwart und auch die Zukunft des jüdischen Volkes. Im NT ist dies der umfassendste Bibelabschnitt, welcher die Stellung Israels behandelt. In Röm. 11,11 lesen wir eine Kernaussage: „Ich [Paulus] frage nun: Sind sie [Israel] gestrauchelt, damit sie fallen sollten? Das sei ferne! Sondern durch ihren Fall wurde das Heil den Heiden zuteil, um sie zur Eifersucht zu reizen.“
Paulus spricht hier von „Israels Fall“, und einige Verse weiter von ihrer Verwerfung (Röm. 11,15). Dies war und ist die größte Katastrophe in der Geschichte des Volkes Israel: Sie haben ihren Messiaskönig verworfen.
2. Israels Haus ist verwüstet
Mt. 23,38: „Siehe, euer Haus wird euch verwüstet gelassen werden.“
Diese Aussage des Herrn damals beschreibt die gegenwärtige Situation des Volkes Israels. Im AT, aber auch im NT, wird das Volk Israel als Gesamtheit häufig als „ein Haus“ betrachtet und so benannt, auch gerade im Matthäusevangelium (Mt. 10,6; 15,24; Apg. 2,36; 7,42; Hebr. 3,2; 8,8.10).
Das Haus Israel war bereits „verwüstet“ (oder auch „verödet“, „verlassen“), als Jesus kam. Die bestehende Verwüstung sollte nun nach der Ablehnung des Messias bleiben und noch weiter zunehmen. Im Rückblick können wir heute sagen: Die letzten 2000 Jahre waren für das jüdische Volk sowohl geistlich als auch materiell gesehen eine Art „Wüstenzeit“.
Nur ca. 40 Jahre nach der Verwerfung des Messias, im Jahr 70 n. Chr., wurde ihnen der Tempel genommen. Seitdem sind für sie bis heute keine Opferdarbringungen mehr möglich. Eine weitere Folge war die weltweite Zerstreuung des Volkes. Die Geschichte Israels nach der Verwerfung des Messias ist eine voller Leid, Bedrängnis und Verfolgung.
Dieser bis in unsere Zeit anhaltende Zustand Israels erinnert uns an die Worte der AT-Propheten: „Und ich [Jesaja] fragte: Wie lange, Herr?“ (Es geht zuvor um die Verblendung Israels als Antwort Gottes auf ihren Unglauben an den Messias – siehe Mt. 13,14–15; Apg. 28,25–28) „Er antwortete: Bis die Städte verwüstet liegen, sodass niemand mehr darin wohnt, und die Häuser menschenleer sein werden und das Land in eine Einöde verwandelt ist. Denn der HERR wird die Menschen weit wegführen, und die Verödung inmitten des Landes wird groß sein“ (Jes. 6,11–12).
Und Hosea prophezeite zudem: „Denn die Kinder Israels werden viele Tage ohne König bleiben und ohne Fürsten, auch ohne Opfer … Danach werden die Kinder Israels umkehren und den HERRN, ihren Gott, und David, ihren König, suchen; und sie werden sich bebend zu dem HERRN und zu seiner Güte flüchten am Ende der Tage“ (Hos. 3,4–5).
Meiner Ansicht nach sprechen diese Stellen sehr deutlich über den gegenwärtigen Zustand des jüdischen Volkes seit der Verwerfung Jesu. Auffallend ist, dass die Propheten bereits hier ein Ende dieses „Wüstenzustandes“ voraussagen. Gott spricht in der Jesajastelle von einem „bis“ und in Hosea von einem „danach“ für Israel. Auch unser Herr Jesus selbst und das NT sprechen von einem Zeitpunkt, an dem es für das jüdische Volk eine Wende geben wird.
3. Israel wird seinen König annehmen
Mt. 23,39: „… denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht mehr sehen, bis ihr sprechen werdet: ‚Gepriesen sei der, welcher kommt im Namen des Herrn!’“
Jesus spricht hier offensichtlich von einer zukünftigen jüdischen Generation, die sich einmal bekehren und Ihn als ihren König freudig empfangen wird. Sie werden dabei wieder die Worte aus Psalm 118 in ihren Mund nehmen, wie damals beim ersten Kommen des Herrn (Mt. 21,9).
Doch dann werden auch ihre Herzen bereit sein, was sie damals nicht waren. Gott wird nämlich schon vor der Wiederkunft Jesu zu ihren Herzen sprechen. Und zwar an einem sehr bedeutenden Ort: in der Wüste (Jer. 31,2; Hos. 2,16ff.; Offb. 12,6.14).
Dies wird in der sogenannten Trübsalszeit geschehen, die nicht umsonst von dem Propheten Jeremia auch als eine „Zeit der Drangsal für Jakob“ bezeichnet wird und auch nach dem Buch Daniel für Israel Bedeutung hat (Jer. 30,7; Dan. 9,24–27).
Für das jüdische Volk wird es eine Zeit des Gerichts, aber auch der Läuterung sein. Der Prophet Sacharja schreibt darüber, dass zwei Drittel der Bevölkerung im Land umkommen werden, aber ein letztes Drittel wird Gott ins Feuer bringen und läutern (Sach. 13,8–9; Mal. 3,3). Dieser gläubige Überrest wird dann am Ende wahrscheinlich „ganz Israel“ sein, von welchem auch der Apostel Paulus in Röm. 11,25–26 spricht: „… Israel ist zum Teil Verstockung widerfahren, bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist; und so wird ganz Israel gerettet werden …“.
Die Worte Jesu und die vielen anderen Stellen in der Schrift deuten an, dass Gott sich Seinem Volk Israel wieder gnädig zuwenden wird.
In unseren Tagen dürfen wir sehen, wie das jüdische Volk bereits wieder in sein Land heimgekehrt ist und als Staat besteht. Trotz weltweiter Zerstreuung, viel Hass, zahlreichen Vernichtungsversuchen und aktuellem Raketenhagel besteht das Volk Israel bis heute, so wie Sonne, Mond und Sterne (Jer. 31,35–37). Sie werden einmal ihren König annehmen und den wiederkommenden Herrn erwarten.
Hinter alledem dürfen wir als Gemeinde Jesu (bestehend aus Juden und Heiden) die Treue unseres Gottes erkennen und bewundern, denn ER steht zu Seinem Wort, und „Seine Gnadengaben und Berufung (für Israel, aber auch für dich und mich) können ihn nicht reuen.“ (Röm. 11,29).
