Wer bestimmt mein Denken?

Autor

Georg Schwab

Kategorie

Was mich bewegt

Magazin

1 / 2021

Seit etwa einem Jahr leben wir alle mit einer Erfahrung, die wir zuvor so noch nie gemacht haben. Täglich werden wir mit Nachrichten von einem Geschehen konfrontiert, das sich nicht etwa, wie sonst, weit weg von uns ereignet, sondern unser eigenes Leben unmittelbar betrifft. Das fordert uns nicht nur in unserem Handeln, sondern auch in unserem Denken heraus.

Dabei ist diese Herausforderung für Christen nicht grundsätzlich neu. Sie lautet: Worauf konzentriere ich mich? Hier braucht es von unserer Seite her eine Entscheidung.

Lege ich mein Augenmerk nur noch darauf, was ich nicht mehr tun darf – oder darauf, was ich noch tun kann oder tun sollte? Grüble ich über die Politik der Menschen – oder staune ich noch über die Herrschaft Gottes? Lass ich mein Denken bestimmen von menschlichen Einschränkungen – oder von unserem unein- geschränkten Herrn im Himmel?

Das sind alte Fragen, die mich aber seit Monaten wieder neu bewegen. Wer darf mein Denken bestimmen? Wer ist mein Ratgeber in Zeiten der Entbehrungen?

Mit dieser Frage war auch das Volk Israel vor etwa 3500 Jahren auf seiner Wüstenwanderung herausgefordert – und scheiterte daran. „Das hergelaufene Gesindel aber, das in ihrer Mitte war, wurde sehr lüstern, und auch die Kinder Israels fingen wieder an zu weinen, und sie sprachen: Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Wir denken an die Fische zurück, die wir in Ägypten umsonst aßen, und an die Gurken und Melonen, den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch; nun aber ist unsere Seele matt, unsere Augen sehen nichts als das Manna“ (1. Mose 11,4–5)!

Woher das „hergelaufene Gesindel“ letztendlich kam, ist mir hier nicht so wichtig (nach der Fußnote der Schlachter-Bibel waren es Ange- hörige anderer Völker, die sich Israel beim Auszug aus Ägypten angeschlossen hatten). Fakt ist: Diese Leute sind da, wenn ein Volk durch neue und schwierige Entwicklungen geht. Und sie fördern die Unzufriedenheit vieler. Dabei lenken sie den Blick zurück auf die „guten alten Zeiten“ und proklamieren bewusst oder unbewusst, „wie früher doch alles viel besser war!“

Das Leben der Juden in der Wüste war von den äußeren Bedingungen her sicherlich etwas eintöniger, als in Ägypten in den Jahren zuvor. Aber diese Zeit gehörte zu Gottes Plan mit Seinem Volk. Genauso wie unsere Zeit heute. Und damals wie heute entscheidet sich unser Vorwärtskommen als Gemeinde an dem, worauf wir unsere Gedanken fokussieren. Ständig darüber nachzudenken, wie vor gut einem Jahr doch alles noch viel besser war in unserem Land, hilft mir reichlich wenig, mein Herz aufzurichten und mutig vorwärtszugehen.

Eine der derzeit am häufigsten gestellten Fragen auf Internetplattformen lautet: „Was macht Corona mit uns?“ Auch von dieser Frage möchte ich mich persönlich distanzieren. Hätte das Volk Gottes auf seiner Wanderung in das verheißene Land großen Gewinn gehabt beim Grübeln über der Frage, „was die Wüste mit ihnen macht“? Die Antwort darauf kann eigentlich nur negativ ausfallen. Einen anderen Ansatz bekomme ich dagegen mit der Frage: „Was macht Gott durch die Wüste mit uns?“ So ist es auch für mich als Kind Gottes weit sinnvoller, zu fragen: „Was macht Gott durch Corona mit mir?“ Die Antwort darauf kann nur positiv ausfallen.

Außerdem habe mich davon distanziert, durch viele Infos und kluge Recherchen die Pandemie und die damit zusammenhängenden Maßnahmen richtig zu bewerten. Es geht in erster Linie doch nicht um meine richtige Bewertung einer Pandemie, sondern vielmehr um die Bewahrung meines Herzens. Natürlich können und sollen wir das Geschehen um uns herum nicht ausblenden, aber achten wir doch bitte darauf, mit welcher Einstellung wir das tun.

Ein Zitat von André-Marie Ampère, einem französischen Physiker (1775–1836), ist mir hier zu einer Hilfe für eine ausgewogene Haltung geworden:

„Nimm dich in Acht, dass du nicht so ausschließlich mit den Wissenschaften dich beschäftigst! Arbeite im Geiste des Gebets! Erforsche die Dinge dieser Welt; das gebietet dir die Pflicht deines Berufs. Aber blicke sie nur mit einem Auge an, damit dein anderes Auge beständig durch das ewige Licht gefesselt sei. Höre die Weltweisen, aber höre sie nur mit einem Ohr, dass das andere immer bereit sei, die sanften Töne deines himmlischen Freundes aufzunehmen. Schreibe nur mit der einen Hand; mit der andern halte dich am Kleide Gottes, wie ein Kind sich liebend an den Kleidern seines Vaters hält“.

Autor

Georg Schwab